Sarstedt (jm). Der 8. September 1960 ist das sicherlich wichtigste Datum in der Sarstedter Sportgeschichte. Vor 60 Jahren gewann mit Walter Mahlendorf erstmals und zum vorerst und für lange Zeit wohl auch zum letzten Mal ein Sarstedter Sportler eine Olympische Goldmedaille. Bei den Olympischen Spielen in Rom gehörte Mahlendorf als Kurvenläufer zur siegreichen 4 x 100 m-Staffel. Mit der Zeit von 39,5 Sek. erzielte das Quartett sowohl im Vor – als auch im Endlauf den damals gültigen Weltrekord.


Im Jahr 1960 wurde Deutschland noch durch eine „Gesamtdeutsche Mannschaft“ vertreten. Die Teilnehmer an den Olympischen Spielen mussten sich in Ausscheidungs-Wettkämpfen zwischen Sportlern der BRD und der DDR für diese Mannschaft qualifizieren. Und das gelang Walter Mahlendorf.


Während die ersten drei Starter der Staffel „gesetzt“ waren – Bernd Cullmann als Startläufer, Armin Hary, der damals schnellste Mann der Welt (Weltrekordler über die 100 m mit 10,0 Sek. am 21. Juni 1960 im Zürcher „Letzigrund“-Stadion, Olympiasieger auch über die 100 m in Rom als Einzel-Läufer in 10,2 Sek.) auf der Gegen-Geraden und Walter Mahlendorf als Kurvenläufer - , gab es intensive Diskussionen, wer das Staffel-Quartett komplettieren sollte: Heinz Fütterer hatte seine Karriere beendet, Manfred Germar lief in diesem Jahr seiner Top-Form etwas hinterher, der Weitspringer Manfred Steinbach wurde in die Diskussion gebracht, doch dann entschieden sich die Verantwortlichen für den Zehnkämpfer und Hürdenläufer Martin Lauer.
Walter Mahlendorf wurde im Januar 1935 geboren, ist demnach also seit Januar dieses Jahres 85 Jahre alt.


Seine Karriere als Leistungssportler begann er im TKJ Sarstedt erst relativ spät als 15-Jähriger. In den ersten Jahren war er vor allem als Dreispringer erfolgreich, hält seit 1955 den TKJ - Vereinsrekord im Dreisprung mit 14,44 m. Beim TKJ betreuten ihn damals vor allem Erich Scheel und Walter Schläger und fuhren ihn auch zu Wettkämpfen. Auch Walter Schläger hält übrigens einen „Uralt-Vereinsrekord“ des TKJ: Im Jahr 1939 sprang er 6,86 m weit.
Als 17- und 18-Jähriger wurde er zweimal Deutscher Junioren-Meister im Dreisprung, im Jahr darauf hätte er gerne das "Tripple" geschafft, aber weil er verspätet zum Wettkampf erschien, verweigerte Oberkampfrichter Jall seine Teilnahme. "Den habe ich später noch mehrmals bei Wettbewerben getroffen", erinnert sich Walter Mahlendorf lachend, "und habe ihm gesagt, dass wir sicherlich niemals gute Freunde werden."
Im Alter von 20 Jahren wechselte Mahlendorf vom TKJ zu Hannover 96. Und dort wurde er vom Dreispringer dann zum Sprinter "umfunktioniert". Damals trainierten die 96er zweimal in der Woche nach Feierabend . Auch „gedopt“ wurde damals schon: "Im Hauptbahnhof Hannover habe ich mich dann immer für die Anstrengungen des Trainings mit einer Bratwurst und einem kleinen Bier belohnt, bevor der Zug nach Sarstedt abfuhr", - das sei so eine Art Ritual gewesen, so der Olympiasieger. Also durchaus erlaubtes „Doping“ damals....

Im Jahr 1958 wurde die deutsche Staffel mit Walter Mahlendorf als Startläufer, Armin Hary, Heinz Fütterer und Manfred Germar Europameister in Stockholm. "Es regnete wie beim Weltuntergang und die Aschenbahn stand total unter Wasser", erinnert sich Walter Mahlendorf.


Der Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn waren dann aber natürlich die Olympischen Spiele 1960. Allerdings waren damals Begriffe wie "Fördergelder" oder "Leistungsprämien" für Spitzensportler Fremdwörter. Für die Olympia-Sieger gab es nur die anerkennenden Worte "Das habt ihr gut gemacht!". Aber Walter Mahlendorf bedauert das nicht: "Wir haben viel erlebt, auch wenn wir Dienst-Befreiung nur bei großen Wettkämpfen gewährt bekommen haben." Damals hat Walter Mahlendorf im Sportamt der Stadt Hannover gearbeitet.


Zu einer Position wie die von Ruder-Welt- und Europameister Oliver Zeidler („Mannschaftssport und sportliche Wettkämpfe sind momentan für niemanden in Deutschland erlaubt, außer für die Millionäre der Fußball-Bundesliga, die sich eh schon seit Jahren in einer immer stärker abdriftenden Parallelwelt befinden“) mag Walter Mahlendorf sich nicht explizit äußern. Der Stellenwert des Fußballs in den Medien sei heute aber viel zu hoch, andere Sportarten würden zu sehr vernachlässigt, so der Olympiasieger.
Nach einem Faszienriss in der linken Bauchdecke im Jahr 1961 hat Walter Mahlendorf seine Karriere als Leistungssportler relativ früh beendet. Der Beruf stand allerdings damals eh im Vordergrund: Er hat die Sporthochschule besucht und wurde danach von 1966 bis 1971 Kreis-Sportlehrer des Landkreises Hildesheim, bevor er als Sportdirektor nach Bochum wechselte, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 beruflich aktiv war. Sein Nachfolger im Landkreis Hildesheim war ebenfalls ein erfolgreicher Olympia-Teilnehmer: der Stabhochspringer Klaus Schiprowski, Silber-Medaillen-Gewinner bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko.
Obwohl er in Sarstedt noch ein Haus mit Garten besitzt, wird er seinen Lebens-Mittelpunkt weiterhin in Bochum haben: "Wir haben dort ein Haus gebaut und einen neuen Freundeskreis gefunden." Allerdings kommt er weiterhin zwei-, dreimal im Jahr nach Sarstedt, regelmäßig im Herbst zur Apfel-Ernte im Garten. Vor wenigen Jahren kehrte er „back to the roots“, besuchte abends die Sportler vom TKJ-Lauftreff und der TKJ-Sportabzeichen-Gruppe im Jahn-Sportpark, wo er 1950 seine sportliche Karriere begann.


Walter Mahlendorf ist Ehrenmitglied der beiden Sarstedter Sportvereine TKJ und FSV und erhielt im Jahr 1960 das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste sportliche Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland. Zudem wurde er in die „Ehrengalerie des niedersächsischen Sports“ des „Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte“ aufgenommen.
Die "Gold-Staffel" von 1960 trifft sich auch heute noch mitunter zu besonderen Anlässen. "Als Armin Hary im Jahr 1997 60 Jahre alt wurde, hat er uns zu einer Geburtstagsfeier in Rom eingeladen. Das passte zum Olympia-Sieg 1960 in Rom - und wir haben dort drei Tage lang gefeiert," erinnert sich Walter Mahlendorf. Und auch den 70. Geburtstag von Armin Hary hat das "Gold-Team" in der Nähe von München gemeinsam gefeiert.
Mit 85 Jahren hat auch ein ehemaliger Leistungssportler das Recht, "in Sachen Sport" kürzer zu treten: Walter Mahlendorf joggt einmal in der Woche "so um die 6 oder 7 Kilometer, mehr lässt mein Knie nicht zu, aber das ist ja immer noch besser, als gar keinen Sport zu treiben." Er läuft dann zusammen mit einem Freund und nach dem Lauf belohnen sich beide mit "Regenerations - Schwitzen" in der Sauna. Seine Knie-Probleme führt der Olympiasieger auf das Dreispringen am Beginn seiner Sportler-Karriere zurück.


Auch seine Staffel-Kameraden Bernd Cullmann und Armin Hary sind noch recht fit. Leider ist Martin Lauer, der ja bekanntlich auch recht früh seine Karriere beenden musste nach einer Blutvergiftung, verursacht durch eine verunreinigte Spritze, im Vorjahr gestorben. Damals bestand sogar die Gefahr der Amputation eines Beines. Doch Lauer, der dann eine zweite Karriere als Schlager-Sänger startete und mit seinem Hit "Taxi nach Texas" den "Silbernen Löwen" von Radio RTL 1965 hinter Petula Clark mit "Down Town" gewann, war vor einigen Jahren als Senioren-Sportler noch einmal in Sarstedt aktiv: Als Mitglied eines Leichtathletik-Teams aus Hamburg sammelte er Punkte bei der DAMM (Deutsche Alters-Mannschafts-Meisterschaft) - und das trotz Hüft-Problemen - als ehemaliger Zehnkämpfer stieß er die Kugel und warf er den Diskus halt aus dem Stand......In seiner aktiven Zeit als Leichtathlet stellte er 1959 einen deutschen Rekord im Zehnkampf sowie am 7. Juli 1959 im Zürcher „Letzigrund“-Stadion innerhalb von 53 Minuten drei Weltrekorde über die 110 m Hürden, die 120 Yards Hürden sowie die 200 m Hürden auf.

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